Buckeln und Treten
In seiner Rezension von Heinrich Manns „Der Untertan“ nutzte Kurt Tucholsky 1919 die Metapher vom Radfahrer, um das opportunistische Verhalten der Personen im Buch zu beschreiben: Nach oben buckeln, nach unten treten, lautete vereinfacht ausgedrückt sein Resümee.
„Der Untertan“ spielt zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs. Damals war es üblich, sich den Regeln der Obrigkeit zu fügen, um im System bestehen zu können. Absoluter Gehorsam war eine typisch deutsche Tugend. Eigentlich sollte man meinen, dass sich die Mentalität der Menschen im Jahr 2010 geändert hat. Immerhin ist Deutschland eine Demokratie, Freiheit gehört zu den Grundrechten. Doch wenn man genau hinsieht, stellt man schnell fest, dass sich vieles nur oberflächlich geändert hat. Denn noch immer buckeln die Menschen vor ihren Vorgesetzten. Nur, dass es sich dabei nicht mehr um den Kaiser handelt, sondern um den Chef, den Politiker oder den erfolgreichen Geschäftsmann aus dem Nachbarhaus. Und noch immer treten sie nach unten. Schwächeren wird gerne gezeigt, wer das Sagen hat, sodass sie gar nicht erst auf die Idee kommen, Schwierigkeiten zu machen.
Beweise dafür gibt es tagtäglich. Auch in Bereichen, in denen man sie gar nicht vermutet. Nimmt man zum Beispiel einen Fensterbau Heilbronn, einen Fensterbau Bonn oder einen Fensterbau Ulm, überall wird man beim Besuch des Ministerpräsidenten das Gleiche feststellen: dem Politiker wird sinnbildlich der rote Teppich ausgelegt. Ob Chef, Schichtführer oder Hilfsarbeiter, alle erstarren in Ehrfurcht, schleimen und lächeln. Sie buckeln. Erst, wenn der Gast weg ist, herrscht wieder die normale Hierarchie. Denn dann tritt der Chef nach dem Schichtführer, der nach den anderen Mitarbeitern und die nach den Hilfsarbeitern.
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